Meinung

Standpunkt: Fachkräftemangel in der Prozessindustrie – wir müssen endlich umdenken

Prof. Dr. Hilde Brandt26. Februar 20264 Minuten Lesezeit
Standpunkt: Fachkräftemangel in der Prozessindustrie – wir müssen endlich umdenken

Der Fachkräftemangel in der deutschen Prozessindustrie ist kein neues Phänomen – er ist strukturell, absehbar und vermeidbar gewesen. Seit Jahren zeigen Statistiken, dass der demografische Abgang nicht durch Nachwuchs kompensiert wird. Und dennoch überrascht er viele Unternehmen jedes Jahr aufs Neue. Genug der Diagnose. Was sind die Maßnahmen?

Erstens: Aufgabenspezialisierung durch Automatisierung. Die meisten kritischen Fachkräfte verbringen 30 bis 40 Prozent ihrer Zeit mit Routineaufgaben – Dokumentation, Berichterstellung, Materialanforderungen. Digitale Assistent-Tools, KI-gestützte Berichtssysteme und automatisierte Betriebstagebücher könnten diese Anteile auf 10 Prozent reduzieren. Das entspricht einer Kapazitätserweiterung von 20 bis 30 Prozent pro Fachkraft – ohne Neueinstellung.

Zweitens: Systematische Wissenstransfer-Programme. Das Altersgefälle in deutschen Industrieanlagen ist dramatisch: Ein Drittel der erfahrenen Verfahrenstechniker geht bis 2030 in Rente. Strukturierte Mentoring-Programme, Videodokumentationen von Anlagenbesonderheiten und Wissensdatenbanken in der Anlageninstandhaltung können Erfahrungswissen sichern – aber nur, wenn man jetzt beginnt.

Drittens: Ausbildungspartnerschaften mit anderen Branchen. Der Wettbewerb um Absolventen der Verfahrenstechnik und des Chemieingenieurwesens ist intensiv. Unternehmen, die Praktikantenplätze, Studienarbeiten und Einstiegsgehälter aktiv mit Hochschulen koordinieren, sichern sich Zugang zu Talenten, bevor diese überhaupt auf dem freien Markt erscheinen. Es klingt banal – aber die meisten Mittelständler haben dafür noch kein systematisches Programm.

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